Zum Inhalt springen

Pele Caster

Heimat: Dortmund, Deutschland

Genre: Indie, Rock

Website: http://pele-caster.de/

Die Welt der Normalität gerät aus den Fugen, lange als sicher und unkompliziert geglaubte Lebensweisen kommen ins Wanken. Die braven Schafe staunen über weltpolitische und lokale Ereignisse als hätten sie es nie geahnt, nie kommen sehen. Gut, wenn Künstler und Musiker wie das Bandprojekt Pele Caster der Welt den Spiegel vorhalten. Grundehrlich in Text und Sound, und ebenso unvermittelt und gradlinig ist das „Theater des Absurden“ – der Vorhang hebt sich für ein Stück, dessen Zuschauer wir alle sind.

„Sicherlich hab’ ich mir alles einfach vorgestellt“, erklärt Sänger Pele Götzer im Opener „Alles was ich mache“ -ungeschönt, was und warum er es macht. Geldgier, frühes Aufstehen, erst nach Dienstschluss man selbst sein zu dürfen – das kommt nicht in Frage. Weil er und seine Bandkollegen Musik machen, weil sie es können, weil sie es wollen. Auch, wenn es manchmal weh tut. Aber vor allem, weil es viel zu gut tut. Gott sei Dank zeigen Pele & Co. dem Finanzamt, dass es wichtigeres gibt als die dicke Kohle zu scheffeln. Sich nicht als Sklaven zu fühlen, beispielsweise. Und da ist er das erste Mal, der Spiegel für die Mainstream-Gesellschaft: „Warum stellt ihr euch nicht die selben blöden Fragen?“ Ein grooviger Bass, ein lockerer Rockbeat, tragen durch das Lied,  das frisch und tanzbar durch einen Ska-Rhythmus angeheizt ins Ohr geht. Ein ehrlicher, ein herrlicher Kassensturz im Leben eines Musikers.

Dass Pele Caster reich an Talent und arm an Popszenen-Hinterhechelei-Drang sind, ist ungemein wohltuend in der deutschen Rockszene. „Der Anfang ist Geschichte“ (Track 2) stellt die Kontrolle ebenso wie die Vorhersehbarkeit aller Entscheidungen in Frage. Pele klingt leichtfüßig, als frage er nur nach dem Weg, aber er hat den Spiegel wieder in der Hand: „Musst du denn alles und jeden kontrollieren, wirst du es nicht müde, aus Verlustangst Gott zu spielen?“

Jedes Stück hat sein eigenes Gesicht, ungeschminkt zeigt jeder Song auf melodische-melancholische Weise ausgesprochen solides Live-Potenzial – man kann den Klang förmlich im ganzen Raum und in sich spüren.

Im „Theater des Absurden“ gibt es keine Pause und kein Opernglas, keine Sektstimmung und keine Garderobiere, die einem den schweren Mantel der Gleichgültigkeit abnehmen könnte. „Alte Wunden“ werden aufgerissen – und Verlust und Trauer sind gewiss keine leichten Themen, wenn man nicht in den Kitsch abrutschen will. Pele Caster gelingt es, die persönlichen Texte so treffend zu umrahmen, dass auch eine zunächst auf leise Rhythmen reduzierte und sich komplex steigernde Instrumentalisierung wie bei „14 Anrufe in Abwesenheit“ die Stimmung des Liedes auf den Punkt bringt. Später steigern sich nahezu französische Klänge in einen James-Bond-esquen Höhepunkt.

Weiter geht es sanfter, im klassischen Singer-Songwriter-Stil, mit „Immer noch“ – einer poetischen Liebeserklärung, wie gemacht für ein unplugged Set – und „Erde Mond“, welches die vielfältigen Einflüsse des Bandprojektes spüren lässt, sehr präzise gepaart mit Peles Stimme, einer der klarsten der aktuellen Musiklandschaft. Auch „Kein Ende in Sicht“ entwickelt sich emotional wie musikalisch wie eine Dämmerung an einem Sonntagmorgen – ein Lied, das nicht nur „gut, sondern unfassbar schön“ ist.

“Theater des Absurden” ist die erste Single und sie ist auch ein erneuter Beweis, dass es immer die Musik ist, die eine kritische Macht ist.  Die ersten Takte legen mit einer piano-getriebenen Blues-Stimmung vor, die sich in Verbindung mit griffigen Rockklängen und der Stimme Götzers zu einem Songbauwerk steigert, das allein instrumental schon ein Abbild der Welt sein könnte. “Bitte nehmt mir diese Sorge, bitte nehmt mir den Verdacht, schenkt mir endlich diese Lüge, die euch alle glücklich macht”, fleht der Sänger in dringlichen Worten. Doch auch, wenn die meisten Leute offenbar glauben, “was sie hören wollen” und “was sie sehen” – Resignation ist für Pele Caster keine Option. Schließlich müssen auch die besten Kritiker bleiben, um das “Theater des Absurden” zu verstehen…

Da nutzt auch „Kein Alibi“, um zu erklären, was letzte Nacht passiert ist. Wer bei diesem, dem vorletzten Stück, dem großartigen Einsatz der Instrumente nicht verfallen ist, sitzt möglicherweise auf seinen Ohren (oder ist erst nach Dienstschluss ein Mensch). Die E-Gitarre, die Streicher  – eine Verbeugung vor der bodenständigen Rockmusik. Und vor dem, was letzte Nacht war.

Bevor sich der Vorhang im „Theater des Absurden“ schließt, gibt sich die treibende Kraft der ersten Stücke noch einmal die Ehre – und verbeugt sich lustvoll tanzend mit „Irgendwo da draußen“.

Wer für die Spielzeit dieses Theaters eine Eintrittskarte löst, den erwartet ein Programm voller Wahrheit, Musik und Mut. Herein, herein, in das Theater des Absurden…

Mareike Graepel

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: